| Ghettopost Litzmannstadt von AG-Rat Martin Opitz |
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| Eine unbekannte deutsche Markenausgabe:
Wenn ich hier von einer unbekannten Markenausgabe schreibe, so bezieht sich das unbekannt nicht auf ihre Existenz als solche, sondern nur auf die Tatsache, daß es sich um eine deutsche Ausgabe handelt. Obwohl sie im Michel-Katalog seit vielen Jahren verzeichnet ist, kennen sie doch die wenigsten Deutschland Die in einheitlicher Zeichnung im Querformat erschienenen 3 Werte zu 5 (Pf.) dunkelblau, 10 (Pf.) dunkelgrün und 20 (Pf.) dunkelbraun weisen eine Bildgröße von 29:20,5 mm auf und sind auf mittelstarkem, weißem, leicht gerauhtem Papier gedruckt, welches entweder waagerecht oder senkrecht gestreift ist. Die Marken mit senkrecht gestreiftem Papier haben als Wasserzeichen waagerechte, im Abstand von ca. 25mm parallel verlaufende gerade Linien, die Marken mit waagerecht gestreiftem Papier das gleiche Wasserzeichen, jedoch senkrecht verlaufend. Mit senkrechtem Wasserzeichen sind mir bisher nur die Werte zu 5 Pf. und 20 Pf. bekannt geworden; der Wert zu 10 Pf. hingegen weist ein waagerechtes Wasserzeichen auf. Während die Werte zu 5 und 20 Pf. auf ungummiertem Papier gedruckt sind, hat der 10-Pf.-Wert eine leicht gelbliche, glatte Gummierung. Die für alle Werte gleiche Zeichnung besteht links oben, bis in das untere Drittel reichend, aus dem Porträt des Obmanns des Judenrates Litzmannstadt (auch Ältester der Juden genannt), nämlich dem Leiter des jüdischen Waisenhauses, Mordechai Chaim Rumkowski; in der rechten oberen Ecke sehen wir die Wertangabe, dahinter den Davidstern; die untere rechte Hälfte weist zweizeilig die Zweckinschrift auf: JUDENPOST / Litzmannstadt Ghetto; die übrige, über das gesamte Markenbild verteilte Zeichnung ist eine sinnbildliche Darstellung, die insbesondere auf die Hauptindustrie im Ghetto, nämlich auf das Textilhandwerk, hinweist. Alle Werte sind ungezähnt. Berücksichtigt man die Verhältnisse, unter denen diese Ausgabe zustande kam, so muß man sagen, daß sie trotz einer gewissen Primitivität doch recht gut gelungen ist. Nun werden die Zweifler unter den Sammlern sagen: Warum soll es sich den hier um eine deutsche Ausgabe handeln? Lodz liegt doch in Polen, und wie das Beispiel der Ausgaben der Warschauer Aufständischen aus dem Jahre 1944 beweist, werden solche Ausgaben folgerichtig unter Polen geführt. Warum also sollen diese von polnischen Juden im polnischen Lodz verausgabten Marken eine deutsche Ausgabe sein? - Diese Einwände sind leicht zu widerlegen, wenn man sich einmal die damaligen Umstände und die geschichtlichen Tatsachen vor Augen führt. Gewiß war Lodz vor August 1939 und nach dem Jahre 1944 eine polnische Stadt; dazwischen gehörte sie aber zum Deutschen Reich. Während Warschau, Krakau, Lemberg und viele andere Städte des deutschbesetzten Teils Polens das sogenannte General-Gouvernement bildeten, dessen Marken ja auch nicht unter Polen, sondern im Deutschlandteil des Michelkataloges verzeichnet sind und deshalb auch von allen Deutschlandsammlern als deutsche Ausgaben angesehen werden, wurde die Provinz Posen in ihren Grenzen von 1918 sowie die Provinz Lodz durch Erlaß des Führers vom 8. Oktober 1939 dem Reichsgebiet eingegliedert. Die Stadt Lodz selbst wurde Anfang November 1939 in Litzmannstadt umbenannt zur Erinnerung an General von Litzmann, der sich im ersten Weltkrieg durch die Schlacht bei Lodz besondere Verdienste erwarb. - Die Ghettopost-Marken wurden also auf damaligem Reichsgebiet verausgabt und nicht etwa im General-Gouvernement, und demzufolge lautet ihre Wertangabe auch auf RM-Währung und nicht auf Zloty-Währung. Der grundlegende Unterschied zu den Ausgaben der Aufständischen in Warschau, die ihre Marken ja auch auf einem damals deutschen Territorium, dem General-Gouvernement, verausgabten, liegt einmal darin, daß die Ghetto-Marken von einer den deutschen Behörden unterstehenden Institution, nämlich dem Judenrat, verausgabt wurden, während das Aufständischen-Komitee eine selbständige polnische Institution war, die sogar während des Aufstandes in dem von ihm beherrschten Gebiet kraft eigener Machtvollkommenheit die territoriale Gewalt ausübte. Infolgedessen werden diese Marken auch richtig unter Polen aufgeführt und als polnische Marken betrachtet, während es sich bei den Litzmannstädter Ghettomarken zweifelsfrei um eine deutsche Ausgabe handelt. |
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| Wie kam es denn nun, daß ausgerechnet im Ghetto Litzmannstadt Briefmarken verausgabt wurden, während von den andern Ghettos keine Marken bekannt geworden sind? Hierfür sind insbesondere drei Gründe maßgebend:
Erstens war Litzmannstadt ein sehr großes Ghetto; zweitens führte es ein verhältnismäßig starkes Eigenleben über eine sehr lange Zeit (es überlebte das Warschauer Ghetto um fast eineinhalb Jahre und das Ghetto in Bialystok um fast ein Jahr); und drittens war ihr Leiter, der Judenälteste, um ein vielfaches länger im Amt als die Judenältesten der anderen Ghettos, konnte also eine erheblich größere Eigeninitiative entwickeln. Um die ganze Entwicklung verstehen zu können, erscheint es angebracht, sich ein klein wenig mit der Geschichte des Litzmannstädter Ghettos zu befassen. Die Stadt Lodz, das größte Textilzentrum Polens, wies bei ihrer Besetzung durch die deutschen Truppen im August 1939 folgende Einwohnerzahlen auf: ca. 370000 Polen, 180000 Juden und 90000 Volksdeutsche. Ich darf als bekannt voraussetzen, wie sich die damalige deutsche Führung die Endlösung der Judenfrage gedacht hatte, in deren Verlauf überall in den besetzten Gebieten Ghettos gebildet wurden; in ihnen wurden die Juden von der übrigen Bevölkerung zuerst abgesondert und später isoliert, bis man sie den Vernichtungslagern zuführte. Während man die jüdischen Einwohner kleinerer und mittelgroßer Orte in die Ghettos der großen Städte verbrachte, liegt es auf der Hand, daß die enorme Zahl der in Lodz wohnhaft gewesenen Juden in der Stadt selbst verblieb, zumal die Juden einen wesentlichen Anteil der Belegschaft der kriegswichtigen Textilfabriken, insbesondere der leitenden Angestellten, stellten. Aus ihrer Mitte wurden im Dezember 1939 und Januar 1940 ca. 20000 Juden, insbesondere aus den Kreisen der Intelligenz, ausgesondert und in das Innere Polens verbracht, so daß das Ghetto Litzmannstadt im April 1940, als es durch Errichtung eines Stacheldrahtzaunes von ca. 17 km Länge vom übrigen Teil der Stadt abgetrennt wurde, ca. 160000 Einwohner aufwies. Am 30. April 1940 wurde das Ghetto endgültig geschlossen und jedes Verlassen ohne ausdrückliche Bewilligung der deutschen Behörden unter schwersten Strafandrohungen verboten. In der Folgezeit änderte sich die Stärke der Einwohnerschaft ständig. Durch natürlichen Abgang (im Jahre 1942 starben innerhalb von 12 Monaten ca. 14000 Juden, deren Tod in der Hauptsache durch Hunger, mangelnde ärztliche Betreuung und Epidemien verursacht wurde) und durch Deportationen wurde die Zahl der Einwohner ständig verringert, während andererseits aber auch neue Bewohner hinzukamen. So brachte man im Oktober 1941 fast alle jüdischen Einwohner Wiens dorthin, auch verbrachte man die Juden der Umgebung, aus dem Warthegau und teilweise auch aus dem übrigen Reichsgebiet ins Ghetto Litzmannstadt, und schließlich kamen im Jahre 1942 als größere Gruppe mehrere tausend belgische Juden polnischer Abstammung dorthin. Im Juli 1941, zu einer Zeit also, die als Ausgabezeit der Ghettopost-Marken gilt, zählte man ca. 160000 Ghettobewohner, von denen ca. 40000 in den Textil- und Ausrüstungsbetrieben für die Wehrmacht beschäftigt waren. Bis August 1944, also bis zur endgültigen Liquidierung des Ghettos, wurden ca. 10000 Lodzer Juden umgesiedelt, worunter man nach dem damaligen Sprachgebrauch ihre physische Vernichtung verstand. Allein von Januar bis September 1942 verringerte sich die Einwohnerzahl des Ghettos um ca. 72000, von denen ca. 55000 in den Vergasungsanlagen des Lagers Chelmno (=KuImhof) umkamen. Zur Jahreswende 1943/44 zählte man noch ca. 80000 Ghettobewohner, von denen 60000 zur Arbeit registriert waren. Anfang August waren es noch 61000, die vom 6. August ab in das Vernichtungslager Auschwitz verbracht wurden, wo sie durch die Selektion entweder ihren Weg in die deutschen Konzentrationslager oder aber in die Gaskammern gewiesen bekamen. Diese grausigen Zahlen, in denen sich nicht nur die Geschichte des Lodzer Ghettos, sondern auch die Geschichte der gesamten Judenschaft im damaligen Machtbereich des Nationalsozialismus widerspiegelt, lassen erkennen, daß es sich beim Ghetto Litzmannstadt um ein umfangreiches Gemeinwesen handelte, dessen Führung notwendigerweise die Einrichtung bestimmter öffentlicher Institutionen erforderte, ohne die nun einmal ein solches Gemeinwesen nicht lebensfähig ist. Die innere Organisation des Ghettos überließen die Deutschen einer jüdischen Selbstverwaltung, an deren Spitze der Judenrat stand. Obmann dieses Judenrates war der bereits erwähnte Mordechai Chaim Rumkowski, dessen Bild auf den Marken zu sehen ist. |
Entsprechend der deutschen Verwaltung, die damals vom Führerprinzip beherrscht wurde, war auch der Obmann des Judenrates unumschränkter Herrscher im Ghetto. Im Gegensatz zu allen anderen Ghettos, in dem Obmänner - sei es durch Selbstmord oder Exekution - in schneller Reihenfolge wechselten und demzufolge ihre Machtposition nicht ausbauen konnten, blieb Rumkowski vom Oktober 1939 bis zur endgültigen Liquidierung des Ghettos im Amt, Zeit genug also, um in diesen fünf Jahren seine Machtposition entsprechend auszubauen. Nicht nur daß er die Ausgabe von Briefmarken veranlaßte, die sein Bild trugen! Er ließ sogar Banknoten ausgeben, die seine Unterschrift trugen, und es ist müßig zu sagen, daß sie auch als gültiges Zahlungsmittel galten. Wenn auch die Briefmarken, wie behauptet wird, nach wenigen Tagen durch die deutschen Behörden einzogen worden sein sollen, so steht doch fest, daß es nur diesem Obmann des Judenrates kraft seiner Stellung möglich war, Briefmarken herauszugeben.
Ob jedoch ein Bedürfnis hierfür vorlag, entzieht sich meiner Kenntnis. Selbst wenn man aus positiver Quelle nicht wüßte, daß es im Ghetto Litzmannstadt eine jüdische Post gab, müßte man auf Grund der Gegebenheiten zu dem Schluß kommen, daß eine solche bestanden haben muß, weil ein Bedürfnis für die Einrichtung einer Post vorlag. Die große Ausdehnung (17 km Einzäunung!) und die große Einwohnerzahl im Jahre 1941 (170000) machten einen unmittelbaren Verkehr von Einwohner zu Einwohner nicht immer möglich. Hinzu kam, daß ein großer Teil von ihnen in den verschiedensten Gebieten, auch außerhalb des Ghettos, arbeitete und nicht immer zu erreichen war. Die Folge eines solchen Zustandes ist logischerweise der schriftliche Nachrichtenaustausch und damit die Organisation eines Postbetriebes. - Zum Glück sind wir aber nicht auf solche logischen Schlüsse angewiesen, sondern wissen aus sicherer Quelle vom Bestehen einer Ghettopost in Litzmannstadt. Ein Artikel aus der damaligen Zeit, veröffentlicht im NS-Blatt Kattowitzer Zeitung, gibt uns hierüber Auskunft. Dort ist in der Ausgabe vom 15.6.1940 unter der Überschrift Das Ghetto von Litzmannstadt folgendes zu lesen: Entgegen allen Greuellügen des Auslandes hat die 700000 Einwohner zählende zweitgrößte Stadt des Warthegaues, Litzmannstadt, schon vor Monaten für die 250000 Juden des ehemaligen Lodz ein eigenes Ghetto geschaffen, in dem das Judentum, scharf getrennt von Deutschen und Polen, eine weitgehende Selbstverwaltung zugebilligt bekommen hat. An der Spitze der Selbstverwaltung . . . stehe der ,Älteste der Juden'. Diesem steht ein Beirat mit jüdischen Sonderbeauftragten zur Seite. Jedoch nur der ,Älteste der Juden' ist alleiniger bevollmächtigter Vertreter des Litzmannstädter Ghettos den deutschen Behörden gegenüber . . . Eine eigene jüdische Polizei, . . . und sogar eine eigene Post durfte sich das Litzmannstädter Judentum im Zuge seiner Selbstverwaltung aufbauen . . . Soweit die Kattowitzer Zeitung, die als NSOrgan die Stimme des damaligen Regimes war und somit Dokumentationswert besitzt. Über den Betrieb der Ghettopost ist bisher nichts bekannt geworden. Dies ist nicht verwunderlich, denn nur wenige überlebten das Chaos, und diese hatten andere Sorgen, als die Kenntnis solcher Dinge der Nachwelt zu erhalten. Es dürfte aber sicher sein, daß die Ghettopost offiziell nur innerhalb des Ghettos ihre Tätigkeit ausüben durfte, denn man wollte die Juden ja nicht nur von den andersrassischen Bewohnern absondern, sondern auch jeden Kontakt zu den anderen Ghettos unterbinden, da ein solcher der Vernichtungsabsicht hinderlich gewesen wäre. In der Tat ist auch kein offizieller Nachrichtenaustausch von Ghetto zu Ghetto bekannt geworden, wenngleich auch die vielfältigsten illegalen Nachrichtenverbindungen bestanden. Mit diesem Ausführung stehe ich am Ende meines bisherigen Forschungsergebnisses. Wenngleich auch die Erforschung des Sammelgebietes Ghettopost Litzmannstadt erst am Anfang steht, so reicht das bisher Bekannte doch mit Sicherheit aus um sagen zu können, daß es sich bei den Marken der Ghettopost Litzmannstadt nicht um eine polnische, sondern um eine deutsche Markenausgabe handelt. Ich hoffe, daß dies wenigstens die deutschen Kataloge berücksichtigen werden. |
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